Antibiotika-Resistenz: Ethische Aspekte einer drängenden Herausforderung – Jasper Littmann/Alena Buyx

Die in immer größerem Maße vorhandene Antibiotika-Resistenz bestimmter Keime und die damit zusammenhängende steigende Anzahl von nosokomialen Infektionen droht uns nach den gewaltigen Fortschritten, die die Medizin mit dem Aufkommen der Bakteriologie und der Entdeckung und Weiterentwicklung von Antibiotika gemacht hat in Hinsicht auf bestimmte Erreger wieder in eine prekäre Lage zu bringen, in der wir seit Mitte des 19. Jhdt.s nicht mehr gewesen sind. Die Medizinethiker Jasper Littmann und Alena Buyx untersuchen die ethischen Probleme und Herausforderungen, die mit dieser Entwicklung bspw. hinsichtlich des Infektionsschutzes und der Krankenhaushygiene einhergehen. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht hier eine der größten Herausforderungen des 21. Jhdt.s; zu dem offensichtlichen Leid der Patienten kommen die hohen Kosten für das Gesundheitssystem und damit die Allegemeinheit, die durch Krankenhausinfektionen entstehen. Gleichzeitig stagniert die Entwicklung neuer Antibiotika (für Pharmakonzerne ist die Forschung an Antibiotika vergleichsweise unattraktiv, weil langwierig und mit geringer Gewinnaussicht verbunden) und die Warnung der WHO vor einem post-antibiotischen Zeitalter, in dem wir uns nicht mehr auf Medikamente im Kampf gegen Bakterien verlassen können, ist leider keine übertriebene Schwarzmalerei. Die drei Hauptgründe für die Resistenz sind einmal die unzureichende oder zu kurze Einnahme durch die Patienten, dann die Verschreibung auch bei trivialen Erkrankungen und die massenhafte Antiobiotikagabe in der Tierhaltung, die auch auf den Konsumenten zurückschlägt. Neben der Rationalisierung der Antibiotikagabe wird deshalb auch die Rationierung von Antibiotika kontrovers diskutiert. Bereits bestehende ethische Probleme in der Infektionskontrolle verschärfen sich durch MRE. So müssen Patienten, die sich eine Krankenhausinfektion zugezogen haben, zum Schutz ihrer Mitpatienten und der Öffentlichkeit häufiger isoliert werden. Die Isolation belastet den Patienten selbst, das Krankenhauspersonal und das Budget. Es gerät hier das Recht auf Selbstbestimmung des Patienten in Konflikt mit dem Recht der Öffentlichkeit, vor Schaden bewahrt zu werden. Wenn sich ein Patient weigert, die informierte Einverständniserklärung zu Isolationsmaßnahmen zu unterschreiben, muss oft harter Paternalismus greifen und die Maßnahme gegen den Patientenwillen durchgesetzt werden. Auch die Knappheit von Ressourcen im Gesundheitswesen wird durch multiresistente Erreger verstärkt. Als zusätzliches ethisches Problem identifizieren die Autoren die Spannung zwischen dem offensichtlichen persönlichen Nutzen in der Behandlung mit Antibiotika und dem schwer einzuschätzenden Schaden für die Allgemeinheit durch Resistenzbildung. Gerade weil der Schaden durch Resistenzbildung zeitlich und räumlich schwer einzuschätzen ist, wird die Kommunikation eines ethisch korrekten Antibiotikagebrauchs beim individuellen Patienten schwierig. Ein vertragstheoretischer Ansatz, der sich auf Prinzipien gründet, die niemand berechtigterweise zurückweisen kann (Scanlon), scheint hier philosophisch vielversprechend. Die Risikoabwägung nach festgelegten Parametern, die im Klinikalltag etwa bei Eingriffen an älteren Patienten Gang und Gebe ist, existiert so allerdings für die Antibiotikagabe noch nicht. Mögliche Kriterien hierfür wären die Vermeidung von Verschwendung, Vermeidung oder Verringerung des Bedarfs durch Hygienemaßnahmen, die Entwicklung neuer Medikamente und Testverfahren (alles bereits teilweise umgesetzt) sowie eine zeitverzögerte Vergabe von Antibiotika bei Infektionen und die Einführung verbindlicher Leitlinien zur Antibiotikagabe. Die ethischen Grundlagen des rationalen und rationalisierten Antibiotikagebrauchs müssen allerdings auch mit einer verstärkten öffentlichen Kommunikation zur Verbreiterung des öffentlichen Diskurses einhergehen, um in politisch wirksame Maßnahmen zu münden.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: Ethik in der Medizin. Organ der Akademie für Ethik in der Medizin. Bd. 27, Heft 4, 12/2015. Berlin/Heidelberg: Springer, S. 301-314.

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